Alles in allem war es eine schöne Zeit

Alles in allem war es eine schöne Zeit

Einstürzende Neubauten zählen zu den einflussreichsten Bands Deutschlands. Dieses Jahr feiert die Gruppe rund um Blixa Bargeld ihr 40-jähriges Jubiläum. Was lag da näher, als nach zwölf Jahren Pause eine neue Platte zu veröffentlichen? Darauf rücken die Klangexperimente, für die die Band berühmt ist, ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen schummeln sich die Melodien nach vorne. Ihr radikaler Sound und das Experimentieren mit Schrott zählte jahrzehntelang zu ihrem Markenzeichen. Die Kritikerlieblinge wurden nach ihrer unerwarteten Rückkehr aber auch diesmal wieder von der Presse und den Fans gefeiert. Kein Wunder, bietet die Platte „Alles in allem“ doch neben dem gewohnt energiegeladenen Sound auch reichlich Melancholie und erstmals einen Bezug zu Berlin. Das erstaunt, schließlich gelten Einstürzende Neubauten als ultimative Berliner Band.

40 Jahre melodischer Krach

Sie begannen ihren Weg im Berlin von 1980 als musikalische Berserker. So erarbeitete sich die Band mit dem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Sound schnell die Aufmerksamkeit einer interessierten Öffentlichkeit. Ihr künstlerisches Ziel hat sich seither nicht groß verändert. Sie forschen noch immer nach dem unentdeckten Geräusch. Die Avantgardisten fanden Mitte der 1980er Jahre auch bei Nick Cave gefallen. Der war gerade nach Berlin gezogen und zeigte sich fasziniert von Blixa Bargeld und dessen musikalischen Zugang. Folgerichtig holte Cave den Berliner in seine Band The Bad Seeds, wo Bargeld jahrzehntelang als Gitarrist ein musikalisches Zwitterdasein führte. 2003 beschloss der Gitarrist und Sänger, sich wieder verstärkt seiner Hauptband zu widmen. Doch wenige Jahre später begann eine Auszeit, die zwölf Jahre dauern sollte. Nun sind Einstürzende Neubauten zurück und beehren ihre Fans nicht nur mit einem neuen Werk, sondern auch mit einer ausgedehnten Tournee, die im nächsten Jahr die Hallen füllen soll. Mit ein Grund für das Comeback ist auch die Sehnsucht nach der Bühne. So sagte Sänger und Gitarrist Blixa Bargeld vor kurzem auf die Frage nach dem Motiv folgendes: Er könne gut damit leben keine Platten mehr zu machen, doch nicht mehr aufzutreten würde ihm schwerfallen.

Innovation in der Endlosschleife

„Alles in allem“ ist ein Frontalangriff auf die vom Mainstream abgestumpften Hörgewohnheiten. Die Platte ist eine Reise durch Berlin mit zehn Märchen aus den Büchern und Gedanken Bargelds. Das musikalische Aufbegehren gegen Konventionen ist hingegen dem gekonnten und stilsicheren Strukturen gewichen. Der Weg zum Schrottplatz mit der Suche nach neuen Instrumenten fiel diesmal aus, doch die ungewöhnliche Instrumentierung ist geblieben. So übernimmt auf dem Song „Taschen“ eine mit Klamotten gefüllte Reisetasche diese Funktion. Inhaltlich kennt die Band auch auf „Alles in allem“ keine Grenzen. Beim Titelsong assoziierte Blixa Bargeld frei von der Hand während eines Spaziergangs außerhalb des Studios.

Innovation in der Endlosschleife
Innovation in der Endlosschleife

Der Eröffnungssongs des Albums „Ten Grand Goldie“ beinhaltet Textfragmente von Fans. Ihre spontanen Antworten auf die Fragen von Bargeld baute dieser in den Text mit ein. In Summe versucht Einstürzende Neubauten den Bogen von den 1980er Jahren in die Gegenwart zu spannen. Die Musik ist gleichermaßen roh, gefühlvoll, romantisch und brutal. Die schlüssige Verbindung des flüssigen Sounds und der Moritaten von Bargeld beweist, dass Einstürzende Neubauten immer noch relevant sind.